
Nach unserem Browser-Vergleich vom 3. Juli kamen viele Zuschriften – auf Deutsch und Englisch – mit derselben Bitte: „Und was ist mit diesem Browser? Und jenem?“ Es gibt eben erstaunlich viele davon.
Sie haben nach mehr Browsern gefragt – hier ist die spannende Frage dahinter: Wer verdient eigentlich an ihnen?
Fast alle Browser sind kostenlos. Chrome, Firefox, Edge, Brave, Vivaldi, Safari, Opera – Sie laden sie herunter und zahlen keinen Cent. Das ist bemerkenswert, denn einen Browser zu entwickeln und über Jahre zu pflegen kostet enorm viel Geld. Hunderte Entwickler, ständige Sicherheitsupdates, Kompatibilität mit einem sich permanent verändernden Web.
Wenn ein Produkt gratis ist, ist meist nicht das Produkt selbst die Ware, sondern der Vertriebsweg für etwas anderes. Bei Browsern lohnt es sich deshalb, nicht zu fragen „Welcher ist der beste?“, sondern „Womit verdient dieser Browser sein Geld?“. Die Antwort sagt oft mehr über den Umgang mit Ihren Daten aus als jede Funktionsliste.
Gliedern wir das Feld also nicht nach Browsern, sondern nach Geschäftsmodellen.
Der Browser als Türsteher zur Suchmaschine – hier liegt das große Geld
Wenn Sie einen neuen Browser öffnen und etwas in die Adresszeile tippen, landet Ihre Anfrage bei einer voreingestellten Suchmaschine. Diese Voreinstellung ist bares Geld wert – so viel, dass sie den eigentlichen Wert eines Browsers ausmachen kann.
Google zahlt Milliardenbeträge dafür, diese Standardsuchmaschine zu sein. Nach Gerichtsunterlagen zahlte Google allein für das Jahr 2022 rund 20 Milliarden Dollar an Apple, damit Google die voreingestellte Suche in Safari auf iPhone und Mac ist. Ähnliche Zahlungen gehen an Samsung und andere Gerätehersteller. Und – für viele überraschend – auch an Mozilla, die Organisation hinter Firefox.
Das ist der Aha-Moment: Ausgerechnet Firefox, der Browser mit dem Datenschutz-Ruf, ist wirtschaftlich stark von Google abhängig. Ein sehr großer Teil der Einnahmen stammt aus dem Vertrag, der Google zur Standardsuche in Firefox macht – nach Aussagen eines Mozilla-Managers vor Gericht der ganz überwiegende Teil. Ohne dieses Geld stünde Firefox vor dem existenziellen Aus. Der Grund, warum es Firefox kostenlos gibt, ist also ausgerechnet Google.
Diese Abhängigkeit ist gerade Gegenstand eines großen Rechtsstreits in den USA: Ein Gericht hat Googles Suchmonopol für illegal erklärt, doch Google darf die Milliardenzahlungen für die Standardplatzierung vorerst weiter leisten – während exklusive bzw. langfristig abschottende Vereinbarungen beschränkt wurden. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen. Wichtig für Sie als Nutzer ist vor allem die Erkenntnis, wie viel Geld an dieser scheinbar nebensächlichen Voreinstellung hängt.
Genau hier ordnet sich auch Safari ein. Der Werksbrowser auf Mac und iPhone hat ein doppeltes „Geschäftsmodell“: Apple bindet seine Nutzer über Safari ins eigene Ökosystem – und kassiert gleichzeitig diese Milliardenzahlung von Google für die Standardsuche. Apple ist damit einer der größten Profiteure des Google-Deals, ohne selbst eine Suchmaschine zu betreiben.
Der Browser als Werbe- und Bindungsmaschine des eigenen Konzerns
Chrome (Google) und Edge (Microsoft) verdienen selbst kein Geld – sie sind das Geld ihres jeweiligen Konzerns.
Chrome ist der weltweit meistgenutzte Browser und verschafft Google eine zentrale Position im Webzugang vieler Menschen – über Suche, Login, Synchronisierung, Google-Dienste und Werbetechnik. Googles eigentliches Geschäft ist Werbung, und Werbung wird umso wertvoller, je genauer man weiß, wofür sich jemand interessiert. Chrome ist ein wichtiger Baustein dieses Geschäfts. Der Browser muss kein eigenes Geld verdienen, weil er das Werbegeschäft füttert, das es ohnehin tut.
Edge verfolgt für Microsoft ein etwas anderes, aber verwandtes Ziel: Er lotst Nutzer möglichst reibungslos in Microsofts eigene Dienste – die Bing-Suche, Microsoft-Konten, die verschiedenen Online-Angebote. Auch hier ist der Browser das Bindeglied zum größeren Ökosystem, nicht das Produkt.
Der Browser mit eigenem Erlösmodell
Manche Browser verdienen ihr Geld selbst – teils auf Wegen, die für Nutzer nicht sofort sichtbar sind.
Brave hat ein eigenes Werbe- und Belohnungsmodell: Der Browser blockiert standardmäßig die üblichen Werbe-Tracker, bietet aber optional ein eigenes Werbesystem an, bei dem Nutzer für das Ansehen von Anzeigen eine kleine Belohnung erhalten können. Hier verdient der Browser selbst, statt nur Datentür für einen Konzern zu sein.
Opera verdient sein Geld über Werbung und Finanzdienste. Für die Datenschutz-Abwägung relevant: Opera wurde 2016 an ein chinesisches Konsortium verkauft; heute ist das Unternehmen zwar börsennotiert, steht aber weiterhin unter starkem chinesischem Eigentümer- bzw. Kontrolleinfluss. Das ist keine Anklage, sondern eine sachliche Information, die man kennen sollte.
Der ehrlichere Teil des Feldes
Es gibt Browser, bei denen man eher mit Vertrauen oder mit Geld zahlt als mit Daten – und die darf man ausdrücklich positiv nennen.
Vivaldi war der heimliche Star unserer Browser-Kommentare: ungewöhnlich viele überzeugte Nutzer meldeten sich zu Wort. Ein kleines Team, finanziert über Partnerschaften – kein Datengeschäft im Hintergrund. Mehrfach genannte Kaufgründe: der eingebaute Mail-Client samt Kalender und, in den Worten eines Lesers, „keine aufdringliche KI, die mich anquatscht“. Diese Anbieter sind keine Narren, die vergessen hätten, Geld zu verdienen – sie haben sich bewusst gegen das Datengeschäft entschieden.
Die vielen kleinen Browser – wer steht dahinter?
Gerade bei den zahllosen kleinen Browsern wissen selbst informierte Nutzer oft nicht, welches Interesse dahintersteckt. Die meisten davon setzen auf derselben Basis wie Chrome auf und unterscheiden sich nur im Beiwerk – doch hinter dem Beiwerk stehen ganz unterschiedliche Interessen.
Beim DuckDuckGo-Browser (inzwischen für Desktop und Mobilgeräte verfügbar) finanziert sich das Ganze über datenschutzfreundlichere, kontextbezogene Suchwerbung, die sich an der aktuellen Suche orientiert und keine persönlichen Nutzerprofile aufbaut.
Der Mullvad-Browser ist eine gemeinsame Entwicklung des Tor-Projekts und des VPN-Anbieters Mullvad – quelloffen und kostenlos. Am Browser selbst verdient niemand etwas; das Geschäftsmodell ist indirekt: Mullvad ist ein VPN-Anbieter und nutzt den datenschutzfreundlichen Browser, um die eigene Marke glaubwürdig zu machen, ohne den Kauf des VPN zu erzwingen. Ein Musterfall für „verdient nicht am Browser, sondern nutzt ihn als Aushängeschild fürs eigentliche Produkt“.
Chromium wiederum ist Googles quelloffener Browser-Rohbau, aus dem viele andere Browser gebaut werden – Chrome, Edge, Brave, Opera und Vivaldi setzen alle darauf auf. Chromium selbst hat kein eigenes Geschäftsmodell und keinen Kundendienst. Man kann fertige Chromium-Installer aus dem Netz laden, aber es gibt keine offiziellen, für Endnutzer gepflegten Downloads von Google und keine automatischen Sicherheitsupdates aus einer Hand – man ist auf Drittanbieter angewiesen. Für Sie als Nutzer heißt das: Chromium ist eher der Rohbau als ein bezugsfertiges Haus – und wer irgendwo einen „Chromium-Browser“ herunterlädt, sollte wissen, wer ihn zusammengebaut hat.
Anders sieht es bei einer Gruppe von Browsern aus, die von Antiviren- und „Tuning“-Firmen stammen – etwa CCleaner Browser, Avast Secure Browser oder Avira Secure Browser. Hier ist der Browser oft ein Kanal, um eigene Sicherheits- oder Bezahlprodukte zu bewerben oder Daten zu erheben. Gerade bei „Sicherheits“-Browsern ist deshalb eine gesunde Skepsis angebracht.
Ein aufschlussreicher Grenzfall ist SRWare Iron, ein deutscher Chromium-Ableger, der mit „mehr Datenschutz als Chrome“ wirbt. Genau dieses Versprechen ist allerdings umstritten: Der behauptete Datenschutz-Zusatznutzen lässt sich von außen schwer unabhängig bewerten. Und gerade bei Chromium-Ablegern kommt es auf schnelle Sicherheitsupdates an – ob ein kleiner Anbieter da dauerhaft mithält, ist für Nutzer schwer zu beurteilen. Ehrlicherweise lässt sich der Datenschutz-Vorteil nicht belastbar bestätigen. Iron ist damit das Musterbeispiel für eine wichtige Unterscheidung: Datenschutz im Namen oder im Werbeversprechen ist nicht dasselbe wie belegter Datenschutz.
Die Kernbotschaft: Je kleiner und unbekannter ein Browser ist, desto mehr lohnt die Frage „Wer steht dahinter, und warum?“ – und bei manchen ist die Antwort weniger harmlos, als der Name („Secure“, „Clean“) verspricht.
Idealismus ohne Geschäftsinteresse
Ganz am Ende des Spektrums stehen Projekte ohne kommerzielles Interesse. LibreWolf ist eine von der Community gepflegte, auf Datenschutz getrimmte Firefox-Variante. Hier steht kein Geschäftsmodell dahinter, was schön ist. Die offene Frage lautet allerdings: Wer finanziert die langfristige Pflege? Reine Idealismus-Projekte leben vom Engagement Freiwilliger, und das ist eine wackeligere Grundlage als ein tragfähiges Geschäftsmodell.
Ähnlich gelagert ist Pale Moon, ein alter Firefox-Ableger, der von einer kleinen Community am Leben gehalten wird. Pale Moon pflegt eine klassische, von Firefox abgespaltene Browserlinie mit einem eigenen Ökosystem klassischer Erweiterungen – normale, neue Firefox-Erweiterungen laufen dort aber nicht automatisch. Auch hier gibt es kein kommerzielles Interesse; das Projekt trägt sich über Spenden und Freiwillige. Pale Moon gehört damit zu den ehrlichen Fällen – anders als die kommerziellen Chromium-Ableger, bei denen ein Konzern- oder Werbeinteresse im Hintergrund steht.
Das Denkwerkzeug, das Sie mitnehmen sollten
Die aufschlussreiche Frage bei einem kostenlosen Browser ist nicht „Welcher ist der beste?“, sondern „Womit verdient er sein Geld?“. Wer diese Frage stellt, versteht auf einen Schlag, warum es Firefox gratis gibt (Google), warum Chrome und Edge nichts kosten müssen (sie füttern das Werbe- und Diensteangebot ihrer Konzerne) und warum Vivaldi anders funktioniert (kleines Team, Partnerschaften, kein Datengeschäft).
Das Beste daran: Dieses Denkwerkzeug funktioniert nicht nur bei Browsern, sondern bei jedem kostenlosen Digitaldienst. Die Karten-App, das soziale Netzwerk, der Foto-Speicher, die Wetter-App – fragen Sie sich einmal bei jedem davon, womit er sein Geld verdient. Die Antwort verrät Ihnen mehr über den Umgang mit Ihren Daten als jede Hochglanz-Beschreibung im App-Store.
Welchen Browser nutzen Sie – und haben Sie je überlegt, warum es ihn kostenlos gibt? Hat es Sie überrascht, wer eigentlich Firefox finanziert? Und womit verdient wohl der Browser sein Geld, den Sie gerade geöffnet haben? Schreiben Sie es uns in die Kommentare – wir sind gespannt.
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