
Jeden Tag tippen wir Adressen ein, die mit drei Buchstaben beginnen, über die kaum jemand nachdenkt: www. Sie sind so selbstverständlich geworden wie der Lichtschalter an der Wand.
Dabei gab es das alles vor etwas mehr als 35 Jahren noch nicht – und die Idee dahinter entstand nicht in einem Technologiekonzern, sondern in einem Physiklabor.
Ein Problem, das jeder kennt, der je in einem Büro gearbeitet hat
Die Geschichte beginnt am CERN, dem großen Teilchenphysiklabor bei Genf. Dort arbeitete Ende der 1980er-Jahre ein britischer Informatiker namens Tim Berners-Lee. Das Problem, das ihn beschäftigte, war erstaunlich banal und zutiefst menschlich: Am CERN forschten Tausende Wissenschaftler, sie kamen und gingen ständig, und sie hinterließen unzählige Dokumente auf den unterschiedlichsten Computern. Niemand fand mehr etwas wieder.
Wer eine bestimmte Information suchte, musste wissen, auf welchem Rechner sie lag, wie dieser Rechner zu bedienen war und in welchem Format das Dokument vorlag. Eine Notiz hier, ein Bericht dort, eine Adressliste auf einem dritten System – alles voneinander getrennt, alles in eigenen Inseln eingesperrt.
Berners-Lee hatte eine einfache Idee: Was, wenn man Informationen nicht mehr in Inseln aufbewahren, sondern über Verweise miteinander verbinden würde? Was, wenn ein Dokument auf ein anderes zeigen könnte – mit einem einzigen Klick, egal auf welchem Computer das andere Dokument lag? 1989 schrieb er einen Vorschlag dafür. Sein Vorgesetzter notierte am Rand: „Vage, aber spannend.“
Der wichtigste Satz dieses Artikels
Bevor es weitergeht, muss eine Verwechslung aus dem Weg geräumt werden, der fast alle aufsitzen – und die das Verständnis der ganzen Geschichte verändert:
Das World Wide Web ist nicht das Internet. Und Tim Berners-Lee hat nicht das Internet erfunden.
Das klingt überraschend, ist aber zentral. Das Internet – also die weltweite Vernetzung von Computern, die Daten untereinander austauschen können – gab es da längst. Seine Wurzeln reichen bis ins Jahr 1969 zurück, zum sogenannten ARPANET, einem Forschungsnetz in den USA. In den 1970er- und 1980er-Jahren wuchs daraus nach und nach das Internet, wie wir es im Kern bis heute kennen. Als Berners-Lee 1989 seinen Vorschlag schrieb, war dieses Netz also schon zwei Jahrzehnte alt.
Was er erfand, war etwas anderes: eine Methode, um Dokumente über dieses bestehende Internet miteinander zu verknüpfen. Das World Wide Web ist nicht das Netz selbst, sondern das, was darauf läuft.
Ein Bild macht es deutlich: Das Internet ist das Straßennetz – die Kabel, die Leitungen, die Verbindungen zwischen den Computern. Das World Wide Web ist der Verkehr aus verlinkten Seiten, der auf diesen Straßen unterwegs ist. Es gab die Straßen also schon. Berners-Lee erfand die Fahrzeuge, die Verkehrsregeln und die Wegweiser, die das Reisen darauf erst für jedermann nutzbar machten. E-Mail zum Beispiel fuhr da bereits auf denselben Straßen – das Web kam als ein weiterer, besonders erfolgreicher Verkehr hinzu.
Drei Bausteine, die heute jeder benutzt – ohne es zu wissen
Damit dieses Web funktionieren konnte, brauchte es drei Dinge. Berners-Lee entwarf sie alle drei zwischen 1989 und 1991. Und das Erstaunliche ist: Sie sind bis heute das Fundament, auf dem das gesamte Web steht.
Erstens: eine Adresse für jedes Dokument. Jede Seite im Web braucht eine eindeutige Anschrift, damit man sie wiederfindet. Das ist die Web-Adresse, die Sie oben in der Adressleiste Ihres Browsers sehen. Fachleute nennen sie URL – aber im Grunde ist sie nichts anderes als die Postanschrift eines Dokuments.
Zweitens: eine Sprache, um Seiten zu gestalten und zu verlinken. Damit ein Computer weiß, was eine Überschrift ist, was ein Absatz und – das Wichtigste – wo ein Verweis auf eine andere Seite steckt, brauchte es eine gemeinsame Sprache. Diese Sprache heißt HTML. Jede Website, die Sie heute besuchen, ist in ihr geschrieben.
Drittens: eine Methode, wie Computer diese Seiten austauschen. Wenn Ihr Computer eine Seite anfordert und der ferne Computer sie schickt, müssen beide dieselbe Verständigung verwenden. Das ist HTTP – jenes „http“, das früher am Anfang jeder Web-Adresse stand und das viele ältere Leser noch mühsam mitgetippt haben. Heute ergänzt der Browser es meist von selbst, weshalb es kaum noch auffällt.
Adresse, Sprache, Austauschmethode: Diese drei Bausteine benutzen Sie in dieser Sekunde, während Sie diesen Text lesen. Die meisten Menschen haben nie davon gehört – und das ist vielleicht das beste Zeichen dafür, wie gut die Erfindung war.
Ein Computer mit einem handgeschriebenen Zettel
Die frühen Jahre des Web haben etwas rührend Bescheidenes. Der allererste Webserver der Welt war kein gewaltiges Rechenzentrum, sondern ein einzelner Computer auf Berners-Lees Schreibtisch – ein sogenannter NeXT, gebaut von der Firma, die Steve Jobs nach seinem Rauswurf bei Apple gegründet hatte.
Auf diesem Rechner klebte ein handgeschriebener Zettel mit der Aufschrift: „This machine is a server, DO NOT POWER IT DOWN“ – „Diese Maschine ist ein Server, NICHT AUSSCHALTEN“. Denn hätte jemand den Computer aus Versehen vom Strom getrennt, wäre ein guter Teil des damaligen Web schlicht verschwunden.
Die allererste Website ging am 6. August 1991 online. Sie war so unspektakulär, wie man es sich nur vorstellen kann: eine schlichte Seite, die erklärte, was das World Wide Web überhaupt ist und wie man selbst Seiten erstellen kann. Kein Bild, keine Farbe, kein Schnickschnack – nur Text und Verweise. Diese Seite existiert bis heute in rekonstruierter Form und ist weiterhin online abrufbar, unter ihrer ursprünglichen Adresse beim CERN.
Der Moment, in dem das Web für normale Menschen interessant wurde, kam 1993. In diesem Jahr erschien Mosaic, der erste weit verbreitete grafische Browser. Er konnte Bilder und Text gemeinsam auf einer Seite darstellen – etwas, das uns heute selbstverständlich erscheint, damals aber einer kleinen Offenbarung gleichkam. Plötzlich war das Web nicht mehr nur etwas für Physiker und Computerfachleute, sondern etwas, das man ansehen mochte.
Die Entscheidung, die alles veränderte
Und nun zum zweiten Punkt, der die meisten Menschen überrascht – und der vielleicht der wichtigste der ganzen Geschichte ist.
Das Web wurde verschenkt.
Am 30. April 1993 stellte das CERN die Web-Technologie unwiderruflich und gebührenfrei für jedermann zur Verfügung. Kein Patent, keine Lizenzgebühren, keine Bedingungen. Wer einen Webserver betreiben oder einen Browser bauen wollte, durfte das tun – ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen und ohne einen Cent zu zahlen.
Das war keineswegs selbstverständlich. In den frühen 1990er-Jahren gab es durchaus konkurrierende Systeme, mit denen man Informationen über das Internet zugänglich machen konnte. Manche davon waren technisch ausgereifter als das Web. Und für manche wurden Gebühren erhoben – was viele potenzielle Nutzer abschreckte.
Hätte das CERN oder Berners-Lee für das Web Lizenzgebühren verlangt, hätte sich die Geschichte vermutlich völlig anders entwickelt. Das Web wäre eines von mehreren konkurrierenden, untereinander unverträglichen Systemen geblieben – und möglicherweise nicht einmal das erfolgreichste. Dass jeder es kostenlos und ohne Erlaubnis nutzen, weiterentwickeln und darauf aufbauen durfte, war genau der Grund, warum sich alle Welt darauf einigte. Die Offenheit war kein netter Nebeneffekt. Sie war die Voraussetzung für alles, was danach kam.
Aus einem Dokumentenproblem wurde die Welt
Es lohnt sich, einen Moment innezuhalten und das Ausmaß zu betrachten. Eine Lösung für ein internes Ablageproblem in einem Physiklabor – „niemand findet hier seine Dokumente wieder“ – wurde zur Infrastruktur, auf der heute ein Großteil des Lebens stattfindet. Einkaufen, Bankgeschäfte, Nachrichten, Behördengänge, das Wiedersehen mit alten Freunden, das Nachschlagen einer Telefonnummer: All das läuft über jene drei Bausteine, die zwischen 1989 und 1991 in Genf entworfen wurden.
Bemerkenswert ist auch, was nicht geschah. Tim Berners-Lee wurde durch seine Erfindung kein Milliardär. Er hätte es vermutlich werden können, hätte er das Web zu Geld gemacht. Stattdessen ist er heute Hochschulprofessor und setzt sich seit Jahrzehnten für ein offenes, freies Web ein – für die Idee also, die das Web überhaupt erst groß gemacht hat.
Das Web war nie ein fertiges Produkt eines Unternehmens. Es war eine Idee, die verschenkt wurde, weil ihr Erfinder verstand, dass sie nur dann etwas wert sein würde, wenn sie allen gehörte.
Erinnern Sie sich noch?
Viele unserer Leser haben die Anfänge des Web in den 1990er-Jahren selbst miterlebt – und genau hier wird die Geschichte persönlich. Erinnern Sie sich noch an die erste Website, die Sie je besucht haben? Wann sind Sie zum ersten Mal „online“ gegangen – und wie hat sich das angefühlt? Das kratzende, piepsende Geräusch des Einwahl-Modems haben viele bis heute im Ohr.
Wie sah das Web damals für Sie aus, und was hat Sie am meisten überrascht, als Sie es zum ersten Mal sahen? Erzählen Sie es uns gern in den Kommentaren – wir sind neugierig auf Ihre Erinnerungen.
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